29.07.2021 14:24

Beckenboden gebührt mehr Aufmerksamkeit

Frauenklinik erhält Qualitätssiegel der Ärztekammer WL


„Wir leben in einem Zeitalter, in dem die Menschen einen Körper wollen, der perfekt aussieht und perfekt funktioniert“, stellt Dr. Nese Aral, Chefärztin der Frauenklinik am Evangelischen Krankenhaus Castrop-Rauxel, fest. Probleme wie Blasenschwäche oder Inkontinenz passen da nicht ins Bild. Umso stärker ist es der Medizinerin daran gelegen, dass aus dem Tabu-Thema ein Gesprächsthema wird. „Wir wollen verhindern, dass die Betroffenen verstummen und sich aus Scham in die soziale Isolation begeben. Es geht darum, die Betroffenen zu motivieren, Hilfe anzunehmen, um so rechtzeitig handeln zu können“, sagt sie.

Denn bei unkontrolliertem Urinverlust gibt es eine ganze Palette von Hilfsmöglichkeiten. Dr. Nese Aral und ihr Team haben am EvK in den vergangenen Jahren einen Behandlungspfad für Beckenboden und Kontinenz aufgebaut, der nun auch offiziell zertifiziert wurde. Damit hat das Team die Betätigung erhalten, dass fachliche Kompetenz, technische Ausstattung und Behandlungskonzept strengsten Qualitätsrichtlinien entsprechen. Dieses Qualitätssiegel erfüllt Dr. Nese Aral mit Stolz, doch noch wichtiger ist ihr etwas anderes: „Ich möchte meinen Patientinnen das Gefühl geben, dass sie frei und offen über ihre Inkontinenzprobleme sprechen können.“

Die meisten Frauen kostet dies eine so starke Überwindung, dass sie oftmals erst dann zum Arzt gehen, wenn der Leidensdruck zu stark geworden ist. Sie kaufen Slipeinlagen, ignorieren den Urinverlust so lange bis aus den Tröpfchen ein unkontrollierter Fluss geworden ist. Genau da liegt aus Sicht der Medizinerin das Problem. Denn je früher die Frauen sich dem Problem stellen, desto unkomplizierter und unaufwändiger ist die Therapie. Dann kann schon bereits eine Beckenbodengymnastik für Abhilfe sorgen.

Jüngere Betroffene hoffen oft darauf, dass eine Besserung von allein eintritt. „Dies ist aber leider nicht der Fall. Ganz im Gegenteil. Hat man bereits aufgrund von Bindegewebsschwäche oder bedingt durch Geburten erste Blasenprobleme, können im Alter auch noch Senkungsbeschwerden hinzukommen. Dadurch wird eine Therapie wesentlich komplizierter und langwieriger“, erklärt Dr. Nese Aral.

Eine Beckenbodenschwäche, die sich über viele Jahre entwickelt, braucht ihre Zeit, um auf möglichst schonendem Wege behoben zu werden. Ein weiterer Faktor für den Besserungserfolg ist die Bereitschaft der Patientinnen, aktiv an der Therapie mitzuwirken, indem sie z.B. eine Beckenbodengymnastik über einen längeren Zeitraum täglich absolvieren. Weitere unterstützende Maßnahmen sind Elektrostimulation oder Biofeedback, Pessartherapie sowie eine Östrogenisierung der Scheidenschleimhäute. Erst wenn alle konservativen Mittel ausgeschöpft sind, erfolgt eine Operation. Doch für alle Maßnahmen, auch nach einer OP, gilt: Die Therapie wird die Betroffenen ein Leben lang begleiten.

Was vielen Frauen nicht bewusst ist: Ab dem 10. Lebensjahr beginnt die Belastung des Beckenbodens. Kontinuierlich kommen neue hinzu: Gewichtszunahme, Geburten, falscher Umgang mit schweren Lasten und der natürliche Alterungsprozess. „Deshalb sollten wir im Grunde genommen den Beckenboden ganz selbstverständlich so trainieren, wie Bein- oder Rückenmuskulatur, damit wir auch in dem Bereich vorbeugend dafür sorgen, möglichst lange fit und beschwerdefrei zu sein. Ein starker Beckenboden kommt dem gesamten Körper und damit auch der Psyche zugute“, meint Dr. Nese Aral. Jede dritte Frau ist im Laufe ihres Lebens von Inkontinenzproblemen betroffen, die vorübergehend sein können oder bleibende Beschwerden sind, die schließlich chronisch werden. Deshalb rät die Chefärztin allen Frauen, grundsätzlich ein vorbeugendes Beckenbodentraining zu machen.

Um Inkontinenz wirksam zu behandeln, ist eine differenzierte Diagnostik u.a. mit Hilfe einer Blasenmessung, die auch als Urodynamik bezeichnet wird, erforderlich. Denn erst, wenn klar ist, welche Form der Blasenschwäche vorliegt, kann eine gezielte Behandlung erfolgen. Ein wichtiger Faktor für eine erfolgreiche Therapie ist die intensive Verlaufskontrolle, die im zertifizierten Schwerpunkt für Beckenboden und Kontinenz am EvK erfolgt. Dr. Nese Aral: „So können wir schnell auf Veränderungen reagieren und die Therapie umgehend anpassen. Außerdem ist es auch psychologisch wichtig, dass die Patientin spürt, wir sind während des gesamten Prozesses immer an ihrer Seite.“

Während dieser Therapie, die teilweise zwischen 3 und 18 Monate dauern kann, wird großer Wert auf die Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Kolleg*innen gelegt. Denn nur gemeinsam schaffe man es, zum Wohle der Patientin alle Therapiemöglichkeiten auszuschöpfen und umzusetzen.


 


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